Das Buch Abramelin – Wirklichkeit oder Mogelpackung?

Verfasst von: Sharon Oppenheimer
Das Buch Abramelin KI
Das Buch Abramelin KI  Bild: Sharon Oppenheimer
Das Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie, das unter dem Namen Abraham von Worms überliefert wird, gilt als eine der wichtigsten Blaupausen für magische Literatur der Neuzeit. Der Text behauptet, aus dem Jahr 1458 zu stammen und von einem Juden namens Abraham von Worms überliefert worden zu sein. Doch alles deutet darauf hin, dass es sich nicht um ein mittelalterliches Original, sondern um ein pseudohistorisches Werk.

Im Zentrum des Buches steht ein langes, strenges Ritual, ein achtzehnmonatiges Exerzitium, dessen Ziel die Kontaktaufnahme mit dem persönlichen Schutzengel ist. Mit Hilfe dieses Engels sollen Engel, Dämonen und Geister gerufen und dienstbar gemacht werden können. Religionswissenschaftlich gehört der Text zur Theurgie, also zur sogenannten weißen Magie. Seit dem neunzehnten Jahrhundert erfreut sich das Werk wachsender Beliebtheit. Es wurde in der Esoterik Szene zu einer Art Bibel für Okkultisten, Kultgruppen und andere selbsternannte Eingeweihte. Die unterschiedlichsten Interpretationen und Anwendungen sind zu finden, und nicht nur Sekten und Esoterik Spinner versuchen, das Buch für ihre Zwecke zu nutzen.

Aleister Crowley und Éliphas Lévi experimentierten mit dem Abramelin Ritual. Anton LaVey griff Elemente daraus für seine Satanische Bibel auf, eine Mischung aus sozialem Darwinismus, zynischer Pose und gefährlicher Absurdität. Die Magie, die im Buch beschrieben wird, beeinflusste den Hermetic Order of the Golden Dawn, dessen Oberhaupt Mathers war. In der Popkultur taucht Abramelin unter anderem im Horrorfilm "A Dark Song" von 2016 auf, der den Ritualprozess dramatisch inszeniert. Alle bekannten Handschriften des Buches der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie befinden sich in Dresden, Wolfenbüttel, Wien, Paris und Oxford.

Gershom Scholem stellte fest, dass es sich bei dieser aramäischen Handschrift um eine Rückübersetzung aus dem siebzehnten Jahrhundert handelt. Er hielt sie für eine schlechte Übersetzung aus dem Deutschen und ging davon aus, dass der Text ursprünglich in deutscher Sprache verfasst wurde. Eine Analyse der Rechtschreibung und des Sprachgebrauchs im französischen Manuskript zeigt, dass dieses aus dem achtzehnten Jahrhundert stammt und wahrscheinlich ebenfalls von einem deutschen Original kopiert wurde. Obwohl der Autor aus dem Buch der Psalmen zitiert, stammt die verwendete Version nicht aus dem Hebräischen, sondern aus der lateinischen Vulgata, der Bibelübersetzung, die damals von katholischen Geistlichen benutzt wurde.

1897 wurde das Buch von dem britischen Okkultisten Samuel L. MacGregor Mathers ins Englische übersetzt. Diese Übersetzung machte den Text im englischsprachigen Raum bekannt und prägte die Rituale des Golden Dawn. Eine Hypothese besagt, dass der Verfasser des Buches Abraham von Worms der Rabbi Yaakov haLevi Moelin gewesen sei, auch Jacob ben Moses Mölin haLevi genannt, der Maharil. Er wurde wahrscheinlich 1375 in Mainz geboren und starb 1427 in Worms. Schon in jungen Jahren erwarb er sich seine Reputation durch Talmudstudien und Frömmigkeit. Er war Vorsitzender der Mainzer Jeschiwa, sein bekanntester Schüler war Jakob Weil.

Maharil überlebte die Zeit der Massenmorde an Juden in Österreich 1420 und 1421 sowie die Hussitenkriege, die viel Leid über die Juden in Bayern und im Rheinland brachten. Er spielte eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau des jüdischen Lebens am Rhein. Nach der Pestwelle von 1348 und 1349, den Pogromen und Vertreibungen war die jüdische Minderheit nahezu ausgelöscht worden. Manche Schätzungen gehen von nur wenigen hundert Juden im gesamten Rhein-Main Gebiet aus. Maharil gehörte zur zweiten Generation nach diesen Katastrophen. Seine Rechtsentscheide und die Sammlung der aschkenasischen Bräuche im Sefer Maharil haben die jüdische Lebensweise über Jahrhunderte geprägt. Sein Grab befindet sich auf dem Heiligen Sand in Worms.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Zuschreibung des Abramelin Textes an Maharil konstruiert. Georg Dehn hält ihn zwar für den Autor, der das Werk unter dem Pseudonym Abraham von Worms geschrieben habe, doch diese Annahme ist sehr umstritten. Inhaltlich hat das Buch nichts mit dem Judentum zu tun. Es ist weder halachisch noch liturgisch, sondern ein theurgisches Ritualsystem mit christlich kabbalistischen Elementen. Es gibt keine Quelle, die Maharil mit diesem Text verbindet. Gershom Scholem und die Forschung lehnen die Zuschreibung ab. Die Autorschaft ist unbekannt, und die Herkunft des Buches bleibt im Dunkeln.

Die Autorschaft ist unbekannt, und die Herkunft des Buches bleibt im Dunkeln. Alles spricht dafür, dass es sich um ein pseudohistorisches Werk der frühen Neuzeit handelt, das sich bewusst älter ausgibt, um Autorität zu gewinnen. Das erinnert an das Necronomicon. Es existiert nicht. Es ist eine reine Erfindung von H. P. Lovecraft, geschaffen als fiktives Zauberbuch innerhalb seines Cthulhu‑Mythos. Trotzdem glauben viele Menschen, es sei real, weil Lovecraft es so detailliert und historisch klingend beschrieb. Später entstand der Eindruck eines echten Grimoires, doch tatsächlich gibt es nur Lovecrafts Geschichten. Es ist kein Manuskript, keine Quelle, kein Buch.

Die Gefahren im Umgang mit spiritistischen und okkulten Praktiken sind bekannt. Die Phänomene, die dabei auftreten können, lassen sich wissenschaftlich erklären. Stimmenhören, Visionen, Halluzinationen und der Verlust der Realitätsgrenzen entstehen nicht durch übernatürliche Kräfte, sondern durch psychologische Mechanismen wie Suggestion, Isolation, Schlafentzug, Erwartungsdruck und bestehende psychische Vulnerabilität. Für mental instabile oder psychisch erkrankte Menschen ist der Einstieg in okkulte Praktiken mit einem hohen Risiko verbunden. Sie betreten ein Feld, das sie nicht kennen, und die Folgen können schwerwiegend sein. Es kann zu Angstzuständen, paranoiden Episoden und einem Zusammenbruch der Fähigkeit kommen, zwischen Einbildung und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Trotz der Fortschritte von Technologie und Wissenschaft ist die Popularität von Okkultismus, Esoterik, Hexerei und Satanismus ungebrochen. All dies zeigt die anhaltende Faszination der Magie in einer Welt, die sich als rational und aufgeklärt versteht. Das Abramelin Buch steht exemplarisch für dieses Spannungsfeld. Es ist historisch gesehen eine Mogelpackung, ein pseudohistorisches Ritualwerk der frühen Neuzeit, aber seine kulturelle Wirkung ist enorm. Es funktioniert wie ein reales Necronomicon, ein tatsächlich existierendes Buch, das denselben Mythos erzeugt wie Lovecrafts fiktives Zauberbuch. Es bündelt die Sehnsucht nach Transzendenz, Macht und geheimem Wissen und zeigt, wie stark der Wunsch nach Magie und Grenzerfahrung selbst in einer wissenschaftlich geprägten Moderne bleibt.

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